‘En route to work’ – inszenierte Unsichtbarkeiten in der Stadt

Konferenz Wuppertal 14. und 15. Januar 2016

 

Universität Wuppertal (in Zusammenarbeit mit dem Historischen Zentrum Wuppertal)

Organisationsteam: Christoph Grafe, Elke Krasny und Oliver Ziegenhardt

 

Als Friedrich Engels 1845 'Die Lage der arbeitenden Klasse in England' veröffentlichte, war dies eine große Sensation. Zum ersten Mal lenkte eine sozialwissenschaftlich-empirische Arbeit, verquickt mit politischen und philosophischen Theoriemomenten, ihre Aufmerksamkeit auf die Lebensbedingungen der Arbeiter. Anlässlich des 120. Jahrestages des Todes von Engels 2015 scheint es passend, den aktuellen Diskurs über die Stadt und seine wirtschaftlichen und kulturellen Dimensionen zu untersuchen.

 In 'Die Lage' präsentiert Engels eine sozialgeographische Studie der voll entwickelten Industriestadt. Seine Forschungsmethode ist empirisch; ausgehend von Besuchen der Armenviertel und Arbeiterquartiere in Manchester, die er mit Mary Burns um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unternimmt, stellt er eine Analyse der Raummuster, einschließlich der sozialen Abtrennungen und der Lebensbedingungen in den Wohnvierteln der Arbeiter in der Stadt vor. Die wenigen Illustrationen, die die physischen Arrangements der Industriestadt zeigen, bleiben einmalig in den Untersuchungen von Lebensbedingungen in der Stadt des neunzehnten Jahrhunderts. Engels, ein genauer Beobachter der städtischen Wirklichkeiten von Manchester, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Logik einer Unsichtbarmachung der Anwesenheit der Arbeiter und entwirft dabei das Bild einer bürgerlichen Stadt, die die dunkleren Aspekte ihrer Existenz eliminieren will.

'Die Lage' ist deshalb eine einzigartige Dokumentation der räumlichen Logik des Kapitalismus in der Industriellen Revolution.

Die gegenwärtige Situation wird durch Änderungen in den wirtschaftlichen und kulturellen Geographien von Städten charakterisiert, die ebenso dramatisch zu sein scheinen wie diejenigen, die Engels Mitte des neunzehnten Jahrhunderts analysierte. Eine durch die Dienstleistungsindustrien beherrschte Gesellschaft hat ein neues Prekariat geschaffen – häufig mit einem Migrationshintergrund und ohne Erfahrungen mit politischer Aktion, die die repräsentative Demokratie durchaus gewährt – , das sich in Städten behaupten muss, in der genau die Planungssysteme zunehmend abgeschafft werden, die ursprünglich geschaffen wurden, um den Symptome des Manchester-Kapitalismus vorzubeugen. Vergleichbar mit der von Engels beschriebenen Situation der Stadt der industriellen Revolution, tendiert das neue Prekariat, das als Angestellte von korporativen Industrien, von Dienstleistungsindustrien oder von den wohlhabenden Einwohnern überleben, deren Anwesenheit die 'städtische Renaissance' in Städten wie London, New York, Brüssel, Wien oder Amsterdam (und auf einer kleineren Skala in 'erfolgreichen' Städten wie Köln oder Düsseldorf) anzeigt, dazu, unsichtbar zu sein. Da Städte sozial wieder stärker getrennt werden, als sie seit langem gewesen sind, sind es hauptsächlich alltägliche Situationen zu Beginn der Morgenstoßzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen der demografische und wirtschaftliche Wandel sichtbar wird. Dort können wir die Reinigungskräfte, die Krankenschwestern, die Sicherheitsarbeiter oder all diejenigen treffen, die in der Lebensmittelversorgung arbeiten, die zwischen ihrem Zuhause (meist in der Peripherie) und verschieden Arbeitsstätten pendeln, und die nur überleben, wenn sie mehrere Jobs haben.

Die Stadt der neuen Unterschicht ist eine Stadt 'en route, to work’.

Was bedeutet die Forderung von Engels nach der 'räumlicher Gerechtigkeit', in den aktuellen Verhältnissen? Welche Formen der Darstellung machen Prozesse sichtbar, die viele Städte brauchen und präsentieren möchten, aber die gewöhnlich aus dem Blickfeld der städtischen Renaissance ausgeschlossen sind? Können Entwerfer auf die Flüchtigkeiten der aktuellen Situation reagieren, und welche programmatische, organisatorischen sowie ästhetische Strategien können entwickelt werden, um das zu erreichen? Das sind einige der Fragen, die wir gerne in der Heimatstadt von Engels auf der Konferenz 'En route to work' besprechen möchten, die für den 14. und 15. Januar 2016 in Wuppertal geplant ist. Die Konferenz, die durch die neue Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der Universität Wuppertal (und dem Historischen Zentrum Wuppertal) veranstaltet wird, will Sozialwissenschaftler, Philosophen, Historiker und Entwerfer zusammenbringen, um zu untersuchen, wie diese neuen Herausforderungen unsere Städte bereits gestalten, und wie Entwerfer durch intelligente Strategien der Darstellung und des Designs darauf reagieren können.

 

Ewald Engelen

Wirtschaftsgeograph, Professor an der Universität Amsterdam, Ko-Autor des Artikels: “How to build a fairer city” (The Guardian, 24 September 2013)

http://www.theguardian.com/cities/2014/sep/24/manifesto-fairer-grounded-city-sustainable-transport-broadband-housing

Karel Williams

Karel Williams ist Wissenschaftler am Centre for Research on Socio-cultural Change und Professor für Politische Ökonomie an der Universität Manchester, Ko-Autor von “How to build a fairer city”, siehe oben.

Lionel Devlieger

Partner von ROTOR, Brüssel. Gegründet 2005, ist ROTOR heute ein Kollektiv von Menschen, die sich alle für den “material flow” beim Bauen interessieren. Auf praktischer Ebene konzipiert und realisiert ROTOR Projekte in Architektur und Design, auf Ebene der Theorie entwickelt es kritische Positionen zur Gestaltung, materialen Ressourcen und Abfall durch Forschung, Austellungen, Publikationen und Konferenzen. 2014 stellte ROTOR ein “spin-off” vor, ROTOR Deconstruction, ein autonomer Ableger, der sich die Rettung und Wiederverwertung besonderer baulicher Elemente aus Abbruchgebäuden zur Aufgabe gemacht hat.

www.rotordb.org

Tom Emerson, Stephanie Macdonald (6A Architects), London

Tom Emerson BSc(hons) DipArch(Cantab) RIBA studierte Architektur an der Universität Bath, dem Royal College of Art sowie der Universität Cambridge. Er lehrte an der Architectural Association und in Cambridge und publizierte Artikel zu Architektur, Literatur und Kunst. 2010 wurde er zum Professor für Architektur an die ETH Zürich beufen.

Stephanie Macdonald BA(hons)DipArch studierte Kunst am Portsmouth College of Art und, nach einem Jahr Praktikum in Japan, Architektur an der Mackintosh School of Architecture, dem Royal College of Art und an der Metropolitan University London, u.a. bei Caruso St. John. Sie hat die kollektive Ausrichtung des Büros entwickelt, das mit Künstlern, Modeschöpfern und Wissenschaftlern zusammenarbeitet. Sie leitet die Materialforschungen des Büros und seit neuestem die innovative Außenstelle von 6a am ICA.

www.6a.co.uk/information

Liza Fior and Katherine Clarke, MUF, London

Seit 1994 hat sich muf architecture/art eine Ruf für neuartige und innovative Projekte erarbeitet, die sich den sozialen, räumlichen und ökonomischen Infratsrukturen des öffentlichen Raumes widmen.

Muf sind Spezialisten für die Architektur und Kunst des öffentlichen Raumes. Ihre Herangehensweise ist geprägt von der Ambition, potenzielle Genüsse zutage treten zu lassen, die an den Schnittstellen zwischem dem Gelebten und dem Gebauten existieren. Der kreative Prozess ist unterlegt von der Fähigkeit, nachhaltige Kundenbeziehungen zu etablieren, die die Wünsche und Erfahrung von verschiedenen Milieus darstellt und wertschätzt.

http://www.muf.co.uk

Meike Schalk, Stockholm Meike Schalk ist Architektin und Juniorprofessorin für Städtebau und Stadttheorie an der KTH Fakultät für Architektur und Gebaute Umwelt. Obwohl als Architektin ausgebildet, hat sie 2007 im Fach Theorie und praktische Ästhetik der Landschaftsarchitektur promoviert. Ihre Recherchen zu Architektur und urbanen Problemen verbinden kritische Untersuchungen zu Nachhaltigkeit und Demokratie mit einer kreativen Beteiligung an urbanen Entwicklungen und partizipatorischer, praxisbezogener Forschung.

 

 

 

Architektur Geschichte Theorie

Das vielzitierte Bonmot von Adolf Loos über den Unterschied zwischen der Urne und dem Chamber Pot zielt auf eine der zentralen Fragen, der sich die Architektur immer wieder stellen muss. Wenn das Bauen um die Befriedigung mehr oder weniger handfester materieller Bedürfnisse geht, oder um die Realisierung immobilienwirtschaftlicher Potenziale, wie und wo werden die Resultate dieser Aktivität zu kulturellen Bedeutungsträgern? Ist der Unterschied zwischen Baukunst und dem Schaffen von Gebrauchsräumen so sauber zu definieren? Wo wäre dann die Grenze zwischen hoher Kunst und Dienstleistung, zwischen der alltäglichen Praxis und der Architektur als intellektueller Disziplin?

Dass Gebäuden (Städten, Landschaften, Möbeln, Dingen ...) Bedeutungen zugemessen werden, ist mehr oder weniger empirisch zu belegen. Dass sich diese Bedeutungen aus allerlei Zusammenhängen - sichtbaren wie verborgenen - ergeben, kann ebenso wenig bezweifelt werden. Die Beschreibung und Interpretation der Bedeutung von architektonischen Objekten und Räumen ist eine Frage nach den Bezügen zwischen der materiellen Realität und kulturellen Erwartungen oder Preoccupations. Diese zu untersuchen, bisweilen aufzudecken und zu enthüllen, ist das Anliegen der Architekturgeschichte und –theorie. Dabei geht es auch darum, eine Sprache zu finden, die diese Zusammenhänge präzise, und möglichst mit einer gewissen Poesie, beschreibt.

Wir verstehen die Lehre und Forschung der Architekturgeschichte und –theorie als eine Form des Entdeckens. Eine Neugierde nach den Ideen, den Mentalitäten, den Zwängen und den Freiheiten, die in den Dingen, den Gebäuden und Konstruktionen verfasst sind.

Wo nun befindet sich die Architekturtheorie und –geschichte in der Lehre an einer Universität, in der nicht Publizisten oder Historiker ausgebildet werden, sondern Entwerfer? Zum Einen geht es selbstredend um die Vermittlung von Kenntnis historischer und theoretischer Bezüge. Sie ist Teil der Praxis der Universität als einer „kritischen Denkschule“. Fragen, die wir stellen, sorgen selten für eine größere Effizienz. Eher sind sie eine Schule des Zweifels, manchmal auch der Langsamkeit, einer notwendigen Verzögerung und der kritischen Prüfung des Berufsverständnisses.

Die Widersprüche, die unsere Untersuchungen offenlegen, sind genauso auszuhalten wie die Widersprüchlichkeiten in der Interpretation selbst. Das Bild, das wir vom architektonischen Objekt behalten, ist notwendigerweise unvollständig und gleiches gilt noch mehr für das Bild der Architektur als Disziplin. Was sich uns erschließt sind jedoch die Manöver der Auftraggeber, die Hypothesen der Entwerfer, die technischen und symbolischen Horizonte, die Organisation der Entwurfsarbeit und der Realisierung und, vielleicht vor Allem, die oft widerspenstige Wirklichkeit der Aneignungs- und Ablehnungsstrategien derjenigen, welche die Räume nutzen oder missbrauchen, und in ihnen leben.

Kontakt

Bergische Universität Wuppertal - FB D
Lehrstuhl für Architekturgeschichte und -theorie
Haspeler Straße 27
42285 Wuppertal
Raum HB 02.14 - 02.16
Telefon: +49 202 439-4117
E-Mail: agt@uni-wuppertal.de

Oase Codes and Continuities in Architecture

The new issue Codes and Continuities in Architecture (no. 92/93), edited by Tom Avermaete, David de Bruijn and Job Floris, will be presented on 25 March. Christoph Grafe contributed the article ‘Other modernities – observations about a north west European architecture’ to this issue.

Eselsohren now published by AGT

The journal Ezelsoren, founded in 2008 by Franziska Bollerey at TU Delft has recently moved from the Netherlands to Germany ... More... 

zuletzt bearbeitet am: 21.01.2016